Heteronormativitätskritik wird für meine Arbeit eine wichtige Perspektive sein. Doch was heißt eigentlich Heteronormativität? Hier kann ich folgenden Sammelband empfehlen: Hartmann, Jutta; Klesse, Christian; Wagenknecht, Peter; Fritzsche, Bettina; Hackman, Kristina (Hg.): Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007.
Für Wagenknecht bietet dieser Grundbegriff der Queer Theory die Möglichkeit:
„Widerstandspraxen gegen die hegemoniale Ordnung von Geschlecht und Sexualität“
systematisch zu reflektieren (18). Trotz unterschiedlicher Begriffsverwendung wird Heteronormativität in gesellschaftlichen Machtverhältnissen verortet.
Nach Hartmann und Klesse basiert Heteronormativität
„auf der Annahme von zwei klar voneinander abgrenzbare, sich ausschließende Geschlechter und [...] die Setzung von heterosexuellem Begehren als natürlich und normal, [mit der Auswirkung, dass] „das diskursive Regime hegemonialer Heterosexualität normative Annahmen über ‚gesunde’ Körperlichkeit und angemessenes Sozialverhalten sowie normalisierende Identitätszuschreibungen hervor [bringt], die allesamt den vorherrschenden Glauben an Natürlichkeit, Eindeutigkeit und Unveränderbarkeit von Geschlecht und sexueller Orientierung fundieren. (Hartmann; Klesse:9)“
Das hat zur folge, dass auf die Subjekt-Konstitution:
„Heteronormativität den Druck [erzeugt], sich selbst über eine geschlechtliche und sexuelle bestimmte Identität zu verstehen, wobei Vielfalt möglicher Identitäten hierarchisch angeordnet ist und im Zentrum der Norm die kohärente heterosexuellen Geschlechter Mann und Frau stehen.“ (Wagenknecht:17)
Hier bezieht sich Wagenknecht auf die heterosexuelle Matrix (Butler), der zentrale Begriff für ihn im Konzept der Heteronormativität. Danach wird eine Übereinstimmung von sex, gender, heterosexuellem Verhalten und Begehren verlangt. Diese Matrix funktioniert jedoch nur, wenn gleichzeitig die Abweichung existiert. Haritarworn kritisiert in ihrem Aufsatz Transphobie und das Fehlen eine kritischen Weißseinsanalyse in dem Konzept der heterosexuellen Matrix. Daraus wird deutlich, dass bei einer Analyse die Kategorie Sexualität interdependent gedacht werden muss. So fordert Haritarworn eine Intersektionalitätsanalyse ein, die den spezifischen Machtkontext berücksichtigt.
Diese Forderungen zeigt:
„Heteronormativität [reguliert] die Wissensproduktion, strukturiert Diskurse, leitet politisches Handeln, bestimmt über die Verteilung von Ressourcen und fungiert als Zuweisungsmodus in der Arbeitsteilung. [...] ist sämtlichen gesellschaftlichen Verhältnissen eingeschrieben; auch Rassismus und Klassenverhältnisse sind heteronormativ geprägt und prägen ihrerseits die kulturellen Bilder und konkreten Praxen heteronormer Zweigeschlechtlichkeit“ (Wagenknecht:17)
Mit diesem Bewusstsein reflektiert Klesse die Anforderungen an eine heteronormativitätskritische Forschungsmethode. Ein wichtiger Aspekt ist für ihn die Auseinandersetzung mit den Objektivitätsansprüche in Wissenschaft und Forschung. Für ihn ist das Ziel: „nachvollziehbare und plausible Erklärungen und Argumentation zu entwickeln“(Klesse:40) bereits sehr anspruchsvoll. Das kann nur erreicht werden, wenn Forschende, mit Verweis auf Sandra Harding (Konzept der Strong Objekctivity) und Donna Haraway (Konzept des Situated Knowledge), die Machtverhältnisse eines Forschungsprozesse und die subjektiven Positionierung zu den relevanten Machtverhältnissen um Geschlecht, Sexualität, Klasse, Race/Ethnizität und Ability offen legen. Diese Anforderungen sind auch bei
„ausschließlich[en] text- und bildbezogene Analysemethoden an[zu]wenden. Bei der Arbeit mit diesen Forschungsmethoden liegt eine gewisse Gefahr darin, sich als situierte Person hinter der Illusion einer entkörperlichten Wissensproduktion, die im poststrukturalistischen theoretischen Diskurs ohnehin schon angelegt ist, zu verstecken“ (Klesse:41).
Die Reflexion der Machtverhältnisse im Forschungsprozess betrifft unter anderem das Forschungsdesign, die Interaktion, die Interpretation und Repräsentation.
Für mich waren die kritischen Hinweise für den Arbeitsprozess der Interpretation wichtig:
„Interpretation baut in der Regel auf Akte der Selektion, Hervorhebung, Auslassung, Rekontextualisierung usw., welche in den meisten Fällen das Ergebnis von Entscheidungen der Forschende ist, [... die] wiederum eng mit Standpunkten, Interessen und Werten der Forschende verbunden [ist]. Interpretation ist eine aktive Produktion von Narrativen, die geprägt ist von subjektiven Positionierungen und den intersubjektiven und diskursiven Beziehung im Forschungsfeld.“ (Klesse:45)
Daraus ergibt sich die Betonung der „Bedingtheit, Beschränktheit und notwendigen Unfertigkeit jeglicher Interpretation.“ Und „der partielle und situierte Charakters von Interpretationen“ wird erst durch aktive Selbstpositionierung der Forschende deutlich. (45)
Da auch die Repräsentation auf vielfältige Weise durch Macht strukturiert wird, bedarf nach Klesse
„jeder Versuch politisch verantwortliche, ethisch vertretbare und gesellschaftlich nützliche wissenschaftliche Texte zu produzieren, [...] eines aktiven Bruchs mit stereotypen ethnisierten, vergeschlechtlichten und sexualisierten hegemonialen Repräsentationsformen“. (Klesse:43)
Insgesamt sehr komplexe, aber notwendige Anforderungen, die ich auch in meiner Arbeit berücksichtigen will. Wie weit es mir gelingen wir, werde ich sehen.
Literatur:
Hartmann, Jutta; Klesse, Christian; Wagenknecht, Peter; Fritzsche, Bettina; Hackman, Kristina (Hg.): Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
- Haritarworn, Jinthana (2007): (No) Fucking Difference? Eine Kritik an ‘Heteronormativität’ am Beispiel von Thailändischsein. S. 269-289.
- Hartmann, Jutta; Klesse, Christian (2007): Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht – eine Einführung. S. 9-15.
- Klesse, Christian (2007a): Heteronormativität und qualitative Forschung. Methodische Überlegungen. S. 35-51.
- Klesse, Christian (2007b): Weibliche bisexuelle Nicht-Monogamie, Biphobie und Promiskuitätsvorwürfe. S. 291-307.
– Wagenknecht, Peter (2007): Was ist Heteronormativitä? Zu Geschichte und Gehalt des Begriffs. S. 17-34.